Was hinter einer Brustentfernung steckt

Was hinter einer Brustentfernung steckt 640 360 Dr. Tina Peters

Wenn Frauen über eine Brustamputation oder eine Brustverkleinerung nachdenken, gibt es zahlreiche Fragen. Eine Expertin klärt auf, was man dabei beachten muss.

Kerstin Ott hat sie sich vor einigen Jahren „wegnehmen lassen“, ihre Oberweite. In einem Podcast sprach die Schlagersängerin Mitte April erstmals öffentlich darüber: An ihrer Brust habe sie sich eher gestört. Dazu kam die Angst vor Brustkrebs. Der Krebs habe in ihrer Familie „gewütet“.

Welchen Eingriff genau Ott hat machen lassen, bleibt vage. Der Unterschied zwischen einer Brustverkleinerung und einer Brustamputation, medizinisch Mastektomie, ist jedenfalls enorm.

Und auch Brustamputation ist nicht gleich Brustamputation: Es ist etwas anderes, ob jemand wegen eines stark erhöhten Krebsrisikos operiert wird, oder weil die Person mit flacher Brust glücklicher ist. Doch der Reihe nach.

Wann gibt es eine echte Indikation für eine beidseitige Brustamputation?

Fast nur bei genetischer Vorbelastung. Und zwar einer ganz bestimmten. „Die echten Indikationen zur Brustamputation sind BRCA1 und BRCA2“, sagt Tina Peters, plastische Chirurgin aus Hamburg.

Veränderungen in diesen Genen treiben das Brustkrebsrisiko dramatisch in die Höhe: Mehr als 90 Prozent der betroffenen Frauen erkranken bis zum 40. Lebensjahr. „Das ist eine der ganz wenigen medizinischen Begründungen, prophylaktisch beide Brüste abzunehmen“, sagt die Ärztin.

Diesen Schritt öffentlich gemacht hat als eine der Ersten US-Schauspielerin Angelina Jolie: 2013 schilderte sie in einer Erklärung in der „New York Times“, warum sie sich als BRCA1-Trägerin für die Operation entschieden hatte. Weitere Prominente wie die Schauspielerin Christina Applegate folgten ihr.

Woran erkennt man ein erhöhtes Brustkrebsrisiko?

Wenn Mutter, Schwester oder Großmutter in jungen Jahren an Brustkrebs erkrankten, sollte man unbedingt einen Gentest machen lassen, rät Peters. Der Aufwand ist überschaubar: Es reicht eine simple Blutentnahme.

Neben BRCA gibt es noch einige wenige, besonders aggressiv wachsende Krebsarten, bei denen ebenfalls eine beidseitige Amputation nötig werden kann. Das aber sind Ausnahmen.

Angst vor Krebs: Kann man sich die Brüste prophylaktisch entfernen lassen?

Nein, eine diffuse Krebsangst reicht nicht. „Das ist einfach keine Indikation für eine Brustamputation“, sagt Peters. Denn Studien zeigen, dass bei vielen Formen von Brustkrebs die Kombination aus brusterhaltender Operation und anschließender Strahlentherapie genauso sicher ist wie die komplette Entfernung.

Dennoch kämen Patientinnen immer wieder mit genau diesem Wunsch, etwa nach einer einseitigen Krebsdiagnose oder weil die Mutter erkrankt war, erzählt die plastische Chirurgin.

Der Gedanke dahinter ist verständlich: „Ich möchte die einfach weghaben, dann habe ich meine Ruhe.“ Peters nennt das aber „zu kurz gedacht“. Viele Frauen stellten sich den Eingriff als harmlos vor. „Aber in der Realität sieht das ganz anders aus. Trotz eingehender Aufklärung können die Menschen oft nicht abschätzen, was für eine weitreichende Entscheidung das ist.“ Schließlich ist die Brust für das Körperbild und die Psyche vieler Frauen enorm wichtig.

Wie läuft eine Brustamputation ab?

Früher bedeutete Mastektomie: alles weg, radikaler Schnitt inklusive Brustwarze. Das hat sich verändert. Heute ist bei vielen Patientinnen eine sogenannte subkutane Mastektomie möglich: Die äußere Brusthülle bleibt erhalten, also Haut und möglichst auch die Brustwarze. „Man höhlt die Brust von unten aus und entfernt das gesamte Drüsengewebe“, erklärt Peters.

Die Krux dabei: Je radikaler das Drüsengewebe entfernt wird, desto geringer das Krebsrisiko, aber desto schwieriger auch die Rekonstruktion.

Brustaufbau: Was ist realistisch?

Hier liegt einer der größten Mythen: die Vorstellung, nach einer beidseitigen Mastektomie einfach eine Wunschbrust zu erhalten. Peters nennt ihn den „Angelina-Jolie-Effekt“, weil man bei der Schauspielerin immer nur das perfekte Dekolleté nach außen sehe, nie die Narben darunter. „Das ist in der Realität selten der Fall“, sagt Peters.

Beim Brustaufbau gibt es zwei Wege. Die Verwendung von Eigengewebe, oft aus dem Unterbauch, liefert das natürlichste Ergebnis, ist aber aufwendig und nur an spezialisierten Zentren möglich.

Die zweite Option ist ein Implantat. Das Ergebnis ist schneller, hängt aber stark vom Körper der Patientin ab. Bei sehr schlanken Frauen liegt das Implantat direkt unter der Haut, Falten und Unebenheiten werden sichtbar. Und: Mit Implantaten hat man ein Leben lang zu tun, wenn es zum Beispiel verrutscht oder sich eine schmerzhafte Kapsel bildet. „Man muss damit rechnen, nachoperiert zu werden“, sagt Peters.

Muss man trotz beidseitiger Brustamputation zur Nachsorge?

Ja, unbedingt. Auch nach Brustamputation ist regelmäßige Nachsorge Pflicht. Denn Brustdrüsengewebe hat Ausläufer bis in die Achselhöhlen, minimale Reste können verbleiben. Auch Krebszellen, die sich bereits vor der Operation in Lymphknoten oder Haut abgesiedelt haben, können Jahre später noch aktiv werden.

Kann man sich die gesunden Brüste entfernen lassen, weil man sich nicht weiblich fühlt?

„Ein gesundes Organ darf nicht einfach so entfernt oder amputiert werden“, sagt Tina Peters. Wer eine „Top Surgery“ möchte – also eine beidseitige Mastektomie aus Gründen der Geschlechtsidentität –, benötigt mindestens ein Indikationsschreiben einer Therapeutin oder eines Therapeuten. Manche Kliniken verlangen ein psychiatrisches Gutachten.

Einige wenige operieren auch nach einem Erstgespräch ohne weitere Dokumente. „Da befinde ich mich als Chirurgin allerdings in einer rechtlichen Grauzone“, sagt Peters. Die Kosten in Höhe von 8000 bis 12.000 Euro, teils mehr, müssen in der Regel selbst getragen werden.

Wie ist es mit einer Brustverkleinerung – kann die jede Person machen lassen?

Wenn es einen medizinischen Grund dafür gibt – ja. Tatsächlich können große, hängende Brüste krank machen. Sie verursachen zum Beispiel Rücken- und Nackenschmerzen, dazu chronische Hautprobleme in der Unterbrustfalte. „Das ist eine eindeutig medizinische Indikation“, sagt Peters.

Die Krankenkassen geben vor, dass mindestens 500 Gramm Gewebe pro Seite entfernt werden müssen. „In der Realität können es aber auch weniger sein, und die Patientin profitiert trotzdem davon.“ Bei dem Eingriff wird auch der Hautmantel gestrafft; Brustwarze und Vorhof bleiben erhalten und werden neu positioniert. Manchmal übernehmen die Krankenkassen die Kosten, manchmal nicht, auch wenn die Indikation klar ist. Dann müssen die Patientinnen selbst zahlen.

Lässt sich mit einer Brustverkleinerung das Krebsrisiko reduzieren?

Verschiedene Studien deuten darauf hin, dass eine Brustverkleinerung das Brustkrebsrisiko messbar senken kann – schlicht, weil weniger Drüsengewebe vorhanden ist, das entarten könnte. Allerdings: Das Risiko sinkt – es verschwindet aber nicht. Tina Peters macht klar: „Die Daten reichen nicht aus, um eine Brustverkleinerung aus Krebsangst zu rechtfertigen.“

Artikel erschienen auf STERN.de im April 2026. Das Interview führte Constanze Löffler.